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Chris Anderson erklärt in seinem Buch The Long Tail [Chris Anderson, 2006] ausführlich, dass Bewertungen das A und O von Web2.0-Anwendungen sind. Wenn eine große Masse an Usern eine entsprechend große Menge an Inhalten produziert, sind Strukturen zum Finden der gewünschten Informationen notwendig. Man stelle sich eine Newsseite vor, auf der jeder beliebige Mensch dieser Welt beliebige Nachrichten eintstellen kann und für diese Nachrichten bestünde keinerlei Mechanismus, diese zu bewerten: jede einigermaßen interessante Meldung ginge in einem Grundrauschen des Belanglosen unter. Wirklich spannend wird es erst, wenn die Nachrichten bewertet werden, sprich die von der großen Masse für lesenswert empfundene Nachricht wird an prominenterer Stelle präsentiert, als eine Meldung die lediglich ein oder zwei Leser anspricht.
Durch den User vergebene Bewertungen lassen sich meiner Ansicht nach in zwei Kategorien trennen. Einmal die vom User aktive vergebenen also explizite Bewertungen, zum anderen Bewertungen, die vom Verhalten des Users ausgelöst werden.
Explizite Bewertungen
Die einfachste Form der Bewertung sind Empfehlungen (oder im negativen Fall Warnungen), die von einzelnen Usern über Blogs, Foren oder Wikis vergeben werden. Das kann Produkte aber auch Dienstleistungen, im extremsten Fall auch Menschen direkt betreffen. Umstritten – auch gerichtlich – sind zum Beispiel Plattformen, auf denen Schüler und Studenten ihre Lehrer und Professoren bewerten. Es lässt sich leicht erahnen, dass das nicht immer in einer höflichen Form geschieht und deswegen einige Betroffene versuchen, solchen Plattformen verbieten zu lassen bzw. die Löschung von Einträgen verlangen. Ein großes, offenes Thema in Deutschland – im Gegensatz zum Beispiel zur USA – ist dabei die Haftungsfrage. Aktuell haftet der Betreiber der Plattformen für die Inhalte mit. Das bringt einige nicht unerhebliche Konsequenzen mit sich.
Eine einfachere und neutralere Form sind Produktbewertungen in Online-Shops. Hier werden einfach Punkte vergeben, angezeigt wird meist das Mittel aus mehreren Bewertungen. Negativer Beigeschmack dieses einfachen Systems: es lässt sich sehr leicht manipulieren. Etwas ausführlicher sind Buchempfehlungen der Online-Buchhändler, aber auch hier sind Fälle bekannt geworden, in denen Autoren ihre eigenen Bücher ausgesprochen positiv rezensiert haben, ohne sich allerdings zu erkennen gegeben zu haben.
Aus Kundensicht hängt es somit ab, ob die Quelle der Bewertungen glaubwürdig erscheint oder nicht.
Implizite Bewertungen
Nicht mehr so einfach zu manipulieren und damit um so aussagekräftiger sind die impliziten Bewertungen, die auf dem Verhalten der Benutzer beruhen. Jeder kennt die Funktion von Amazon „Kunden die dieses Buch gekauft haben, haben auch folgende Bücher bestellt“. Für alle, die nicht ein bestimmtes Buch suchen, sondern für ein Thema recherchieren ein äußerst hilfreiche Funktion. Dass das nicht nur bei Büchern sondern bei vielen anderen Produktkategorien funktioniert, ist selbstredend.
Eine weniger offensichtliche implizite Bewertung ist sind zum Beispiel die Beurteilung der Relevanz von Inhalten bei Suchmaschinen – wie der Pagerank bei Google - oder Favoriten auf Social Bookmarking Plattformen. Hier fließen Verlinkungen oder Klickraten in die Bewertungen mit ein, ohne das es für einen Benutzer unbedingt erkennbar ist. Diese Bewertungen sind zum Teil von erheblicher wirtschaftler Bedeutung, so entsteht gerade ein ganz neuer Wirtschaftszweig der Suchmaschinenoptimierer. Ihr Ziel ist es, die Websites ihrer Kunden in den Trefferlisten möglichst weit nach vorne zu bringen, denn eine gute Positionierung auf den Ergebnisseiten ist bares Geld wert. Die Mechanismen sind hervorragend und praxisnah im Buch „Websiteboosting“ von Prof. Mario Fischer [Mario Fischer, 2006] beschrieben.
Tagging
Tags sind kurzgesagt Daten über Daten, sogenannte Metadaten. Jeder Broken Information kann getagged werden, also mit einer Art Etikett versehen werden. Ob das nun Bookmarks sind oder Nachrichten. Dies dient vor allem der Kategorisierung der Informationen und soll der Auffindbarkeit dienen. Die Tags haben damit die gleiche Funktion wie Schlagworte (wenn es sich nicht sogar um alten Wein in neuen Schläuchen handelt). Im Unterschied zu Schlüsselworten (= Key Words) muss ein Schlagwort / Tag nicht selbst Teil der Information sein, so kann ein Artikel über Golf mit dem Tag „Sport“ versehen werden, so dass klar ist, dass es sich hier um Informationen über eine Sportart handelt und nicht um einen Report über Autos oder einen Reisebericht. Der Begriff Sport muss dabei selbst nicht in dem Artikel enthalten sein.
Besonders in Mode sind derzeit sogeannte Tag Clouds. Dabei handelt es sich meist um eine grafische Darstellung von Tags, bei der die Größe der Darstellung des einzelnen Tag von dessen Häufigkeit, z.B. bei einer Artikelsuche, abhängt. So erfasst ein Benutzer eines News-Portals auf einen Blick, welche Themen an einem bestimmten Tag (Tag, nicht Tag) von größtem Interesse sind.
Geo Tagging
Ein Sonderform sind die sogenannten Geo Tags, die in Zukunft vor allem für Suchmaschinen von Bedeutung sein dürften. Dabei werden Informationen – wie zum Beispiel Webseiten – mit GPS-Daten versehen. Mit dieser Information kann nun ganz gezielt im Internet nach lokalen Anbietern gesucht werden.
Wer auf der Suche nach einem Restaurant in München ist, dem ist nicht geholfen, wenn ihm eine Suchmaschine lauter Treffer liefert, die irgendwo auf der Welt sind - und nebenbei noch gute Suchmaschinenoptimierer sind. Darüber hinaus entstehen zahlreiche neue Anwendungen: So lassen sich die Ergebnisse einer solchen Suche gleich mit der Anzeige des Ortes auf einer Karte verbinden oder man bekommt gleich den örtlichen Wetterbericht für die nächsten Tage dazu geliefert. Hier stehen wir erst am Beginn der Entwicklung, Geo Tags und darauf basierende Anwendungen werden als eine Basis für das zukünftige Web 3.0 gehandelt.
Der Blick in die Kristallkugel oder die Bewertung der Zukunft
Seit Menschengedenken besteht der Wunsch in die Zukunft schauen zu können. Egal, ob Kristallkugel oder Karten, die Ergebnisse sind zumindest für den nüchternen, aufgeklärten Menschen nicht befriedigend. Es gibt aber Verfahren, mit denen man einen Blick auf Kommendes wagen kann und deren Ergebnisse sind erstaunlich gut. Diese Verfahren existieren schon geraume Zeit, auf alle Fälle sind sie deutlich älter als das Internet: Wettbörsen.
James Surowiecki präsentiert in seinem Buch „The Wisdom of Crowds“ [James Surowiecki, 2005] mehrere Beispiele, in denen eine genügend große und möglichst heterogene Menge an Menschen ihre persönliche Prognose (oft in Form einer Wette) für Ereignisse in der Zukunft abgegeben. Das Erstaunliche ist nun, dass die Auswertung des statistischen Mittels der Prognosen ein der späteren Realität sehr nahe kommendes Ergebnis liefert. Oft besser als die besten Ergebnisse der einzelnen Teilnehmer und zwar unabhängig davon, ob es sich um Laien oder Experten handelt. So ließen sich bisher zum Beispiel sehr gute Ergebnisse bei der Vorhersage von Wahlergebnissen erzielen. Und das mit deutlich weniger Aufwand als dies die Meinungsforschungsinstitute liefern können.
So einfach sich dies anhört, Surowiecki geht sehr detailiert auf die Bedingungen ein, mit denen diese Resultate erzielt werden und erklärt Fälle, in denen die Mechanismen nicht mehr wirken und so zum Beispiel für Börsenchrashes verantwortlich sind. Es muss eine gewisser Grad an unabhängiger Meinungsbildung gegeben sein. Beeinflußt die Meinung eines Einzelenen alle anderen, funktionert es schon nicht mehr: Der sogenannte Herdentrieb. So ist es sehr verwunderlich, das nach Meinung von Surowiecki vor allem Finanzexperten und Analysten diesem Herdentrieb unterliegen und so für extreme Kursausschläge an den Börsen sorgen.
Im Zusammenhang mit dem Internet und Web 2.0 werden diese Mechanismen nun außerordentlich interessant, weil es über die Internettechnologie kaum mehr Aufwand bedeutet, Umfragen zu Prognosen bzw. echte Wettbörsen zu organisieren, und damit zu bestimmten Themen die Entwicklung vorherzusagen. Bis auf wenige Forschungsprojekte spielt dieses Thema im alltäglichen Leben zwar kaum eine Rolle, ich bin mir aber sicher, das wir zu diesen Thema noch einges hören und lesen werden (um das herauszufinden müsste man eigentlich nur darauf wetten …). Im Wirtschaftsmagazin brand eins erschienen bereits einige Artikel zu möglichen Anwendungsfällen [Grötker 2005 und 2007]. Kommerzielle Nutzungen sind mir aber aktuell nicht bekannt.












